Gründerinnen-Porträts

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Foto: Sebastian Geis

Foto: Sebastian Geis

Gloria Sophie Wille

Meine Häkelnadel ist meine „weapon of choice“…
1. Frau Wille, was ist Ihr Business und wie ist Ihre Idee dazu entstanden?
 
Ich bin Häklerin / Häkelkünstlerin. In meinen Arbeiten kombiniere ich klassische Häkel- und Strickmuster mit sowohl zeitgenössischen als auch klassischen Designs - von gehäkelten Leggings bis hin zu gehäkelten Krinolinen. Die Hauptsäule meiner Arbeit ist die Vermischung von Slow Fashion, klassischer Handarbeitskunst und -immer dabei- female empowerment. Meine Häkelnadel ist quasi meine "weapon of choice", um zu provozieren und Grenzen zu überschreiten - und manchmal auch nur, um eine kleine Traumwelt zu erschaffen. Meine Inspiration hole ich mir dabei insbesondere aus der Musik, sowie aktuellen und vergangenen (politischen) Ereignissen.
 
Eigentlich handarbeite ich schon von Kindesbeinen an, ließ das Ganze während meiner Teenager-Zeit ruhen und habe dann 2009/10 mit dem Häkeln von Mützen und Schals wieder angefangen. 2012 kam ich dann nach einem längeren Auslandsaufenthalt aus den USA nach Deutschland zurück und wollte mich handwerklich weiterentwickeln, wusste aber noch nicht genau, wohin die Reise gehen sollte. Von meinem damals ersten Gehalt als Postbotin habe ich mir das Album “What did you expect from The Vaccines?” gekauft. Meine beiden Lieblingslieder darauf sind “Wetsuit” und “All in White”. Je mehr ich die Lieder hörte, desto mehr formte sich ein Bild von einem gehäkelten Kleid in meinem Kopf. Da ein gehäkelter Tauchanzug (Wetsuit) äußerst unnütz ist, habe ich mich dazu entschieden ein Brautkleid zu häkeln - all in white. Danach entstand mit meiner ersten Kollektion aus gehäkelten Brautkleidern, die durch die Musik inspiriert wurden, die Gründung von Gloria Sophie Wille. Meine späteren Kollektionen bestanden dann nicht mehr ausschließlich aus Brautkleidern und ich fing an, Häkelmuster mit Stoffen zu kombinieren: Röcke, Hosen, Jacken. Mittlerweile häkle ich u.a. Freelance für verschiedene Berliner Designer*innen. Meine eigenen Kleider, Designs und die Fotografien dazu stelle ich in Galerien aus. Dieses Jahr war sogar eines meiner Kleider auf dem Cover eines Londoner Polit-Magazins zu feministischer Außenpolitik zu sehen. Darauf bin ich sehr stolz.
The Gritterman’s wife
Foto: Detlef Nehls, Model: Annabelle Adamek, Make Up: Anke Leuwer, Assistentin: Jonna Rasmussen
2. Was war am Anfang die größte Hürde / die größte Herausforderung?
 
Um ehrlich zu sein: Der Glaube an das, was ich mache, und an meine Fähigkeiten. Ich war mir bewusst, dass meine Designs nicht fehlerfrei waren und bin dabei manchmal zu hart mit mir ins Gericht gegangen. Da ich keine gelernte Designerin bin, blieb mir nur das learning by doing übrig: Ich habe mich ausgetestet - unterschiedliche Garne, verschiedene Muster, was geht, was sieht seltsam aus? Vor allem bei der Häkelei ist das ein äußerst schmaler Grat. Zudem ist es höchst frustrierend, wenn man einen Monat an einem Design sitzt, nur um dann herauszufinden, dass es leider blöd aussieht. Da fehlte mir der Austausch mit Menschen, die schon ein wenig mehr Erfahrung in meinem Bereich haben. Vielleicht war die größte Hürde nicht nur der Glaube an mich und das, was ich mache, sondern auch und vor allem: das Durchhalten.
 
3. Was hat besonders gut geklappt?
 
Das Fehlermachen. Bis ich die Fehler allerdings nicht mehr als Versagen meinerseits, sondern sie vielmehr als -neudeutsch- learning, sprich als Erfahrungswert, gesehen habe, ist einige Zeit ins Land gegangen. Letztens habe ich irgendwo gelesen “Everyone wants to get started but nobody wants to be seen how they start”, da steckt eine Menge Wahrheit drin. Die Angst davor, Fehler zu machen, bzw. dass die Fehler gesehen und vor allem beurteilt werden könnten, verleitete mich manchmal dazu, einfach alles hinzuschmeißen. Aber wie gesagt, es war und vor allem ist ein Prozess. Fehler gehören dazu.
Dauphine
Foto: Detlef Nehls, Model: Julia Fritsch, Make Up: Anke Leuwer, Assistentin: Jonna Rasmussen
4. Haben Sie Aufgaben abgegeben bzw. sich helfen lassen?
 
Ja! Meine Mutter hat mir z.B. stark dabei geholfen, technisch besser zu werden und Anfang 2018 hatte ich eine Praktikantin, die mich dabei unterstützt hat, ein Kleid fertig zu stellen, an dem ich zu dem Zeitpunkt bereits fünf Jahre gearbeitet habe - natürlich mit längeren Unterbrechungen. Zudem hatte ich eine unfassbar starke Community, die mir durch die Unterstützung im Rahmen meiner Crowdfunding- Kampagne (https://www.startnext.com/heroicacts) dazu verholfen hat, meine erste große Einzelausstellung in Hamburg zu verwirklichen. Dazu kamen Freund*innen, die mir beim Design der Website, der Flyer, des Ausstellungsheftes etc. geholfen haben. Außerdem habe ich mit wunderbaren und talentierten Fotograf*innen, Make-Up-Artistinnen und Models gearbeitet, die an meine Idee und meine Vision geglaubt haben. Dafür bin ich noch immer wahnsinnig dankbar. Ohne all diese Menschen wäre mein Weg so niemals möglich gewesen.
Was die (bürokratische) Gründung selbst angeht - Businessplan, Buchführung usw. hätte ich mir aber definitiv mehr Hilfe holen müssen.
 
5. Inwiefern hat EFA bei Ihrer Gründung eine Rolle gespielt?


Ganz am Anfang, also sprich 2012 etwa, kam mir erstmalig der Gedanke, dass ich mich vielleicht mit der Häkelei selbstständig machen könnte. Allerdings hatte ich weder Ahnung von Businessplänen noch von staatlichen Hilfen, und: wo fange ich überhaupt an? Die Beratungsgespräche waren dabei äußerst hilfreich. Und vor allem, dass da jemand war, die meine Idee gut fand. Das war damals das erste Mal, dass ich meine Idee jemandem erzählt habe - daran erinnere ich mich bis heute sehr gut. Das positive Feedback hat mir geholfen, auch bei Rückschlägen dran zu bleiben.
 
6. Was hätten Sie sich seinerzeit gewünscht?

Connections und Austausch mit erfahrenen Designer*innen und Gründer*innen auch über die Stadtgrenzen hinaus. Vielleicht auch jemand, der*die mir einen Schubs gibt und sagt: Hintern hoch und schreib’ die Designer*innen jetzt (für ein Praktikum o.ä.) an!
 
7. Was würden Sie heute anders machen?

Nichts, wirklich. Denn durch die ganzen Ups and Downs bin ich jetzt in Berlin gelandet und kann mich stolz “Häklerin” von Beruf nennen. Es gibt vielleicht zwei Dinge, die ich für mich persönlich anders hätte machen sollen: zum einen, mir stärker bewusst zu machen, dass ich mich in einem Prozess der (beruflichen) Selbstfindung befinde und dass das auch ok ist. Zum anderen hätte ich weniger dem Gedanken “Wie monetarisiere ich das Ganze?” hinterher rennen sollen. Die ewigen Fragen nach: Was lässt sich verkaufen? Dawanda oder Etsy? Welche Kompromisse will ich eingehen? Wie kann ich kund*innenorientiert häkeln? - all das sind zwar berechtigte und wichtige Fragen, aber sie haben für das, was ich tue, bisweilen zu viel Raum eingenommen. Sprich: Die Frage nach der Monetarisierung hat mich oftmals von dem Weg abgebracht, was ich eigentlich machen will: Häkelkunst. Ausladende Kleider. Aufwändige Fotografien. Egal ob sie “verkäuflich” sind oder nicht. Nachdem ich mir irgendwann dachte: “Fuck it, ich mach’ jetzt das, worauf ich Bock habe”, lief alles etwas geschmeidiger.
 
8. Wo sehen Sie ihr Business in den nächsten fünf Jahren?

In einer Galerie/ einem kleinen Ladengeschäft in Berlin-Neukölln.
 

Herzlichen Dank für das Interview Frau Wille!
 
Das Interview führte EFA-Beraterin Dagmar Beerweiler.
Weitere Informationen zum Business von Frau Wille unter www.gloriasophiewille.com oder auf Instagram unter @gloria_sophie
 
online seit: 05.03.2020
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